Jungle World, 1. Mai 2014

Deutschland sucht die Superweiße

Böhmische Dörfer (39): Warum es wichtig ist, Rassismus öffentlich zu machen

Der Hass kennt offenkundig keine Grenzen. Und die Wortwahl macht einen gleichermaßen fassungslos wie wütend. "Quotenneger" pöbelte vor kurzem ein Kommentator auf der Facebook-Seite von ProSieben. Ein anderer hetzte gegen die "gorilla-fresse". Gemeint war damit "Germany's Next Topmodel-Kandidatin Aminata.

Die 19-Jährige, geboren in der Elfenbeinküste und in Bergisch-Gladbach lebend, wird seit Wochen auf widerliche Art und Weise rassistisch beleidigt. Der Sender sah sich sogar bemüßigt hervorzuheben, in der neunjährigen Geschichte der Castingshow sei noch nie eine der jungen Laufsteg-Frauen derartig verunglimpft worden. Die wüsten Beschimpfungen gipfelten in womöglich justiziablen Sätzen wie "DAS ist doch kein Topmodel. DAS gehört vergast." Auch auf ihrer eigenen Facebook-Fanseite wird weiter ohne jede Scheu und Maße gegen Aminata gehetzt. Die Kommentarspalten der sozialen Medien, so scheint es, sind fest in Rassistenhand.

Nun sind die "Hater" im Internet wahrlich kein neues Phänomen. Doch sie treten inzwischen immer aggressiver und selbstbewusster in Erscheinung. Nicht zuletzt, weil ihnen das anonyme Netz ständig neue, einfach zu handhabende Verbreitungsmöglichkeiten bietet. Und diese werden von vielen, viel zu vielen Kotzbrocken gerne und ausgiebig genutzt. Nur: Was tun gegen die rassistischen Lästermäuler? Sie vor den Kadi ziehen? Ihre als "Meinungsbeiträge" kaschierten Geschmacklosigkeiten löschen?

ProSieben hat das mit den schlimmsten Entgleisungen getan und deren Verfasser blockiert. Gleichzeitig postete der Sender ein Stoppschild mit der Ansage "Das können wir nicht dulden!" Gute Sache möchte man zunächst meinen. Doch bei näherer Betrachtung wirkt das Tilgen recht hilflos. Als wolle man das Böse ungeschehen machen. Eine allzu naive Hoffnung.

Topmodel-Kandidatin Aminata geht da einen anderen, ehrlicheren Weg: Sie lässt die rassistischen Ausfälle für jedermann sichtbar auf ihrer Fanpage stehen. Mit einer einfachen wie überzeugenden Begründung: "Ich möchte dass deutschland sieht was für menschen es noch LEIDER in unserer generation gibt." Und auf einem Foto streckt sie den Hetzern wortwörtlich ihre Zunge entgegen. "bin schwarrrrrrrz meine zunge pink und was wollt ihr jetzt machen?!" Tja, da dürften selbst eingefleischte Rassisten ins Grübeln kommen. Aminata hat sich als Betroffene gegen das Verschweigen und für die Offensive entschieden. Recht so! Das gesellschaftliche Problem wird damit zwar nicht gelöst, aber öffentlich gemacht.

Vielleicht hat Aminatas Vorgehen ja Modell-Charakter. Und womöglich regt das die Juroren an, jenseits der Darbietungen auf dem Laufsteg Stellung zu beziehen. Anderenfalls muss es heißen: Liebe Heidi, lieber Wolfgang, lieber Hayo, wir habe heute kein Foto für euch.

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Dr. Christian Böhme
Journalist

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